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Krimi am Schreibtisch

Meine Tage mit Leibniz. Eine Kolumne von Eberhard Knobloch

Der französische Enzyklopädist Denis Diderot bewunderte Gottfried Wilhelm Leibniz. 1758 schrieb er: »Es hat vielleicht nie ein Mensch so viel gelesen, so viel studiert, mehr nachgedacht, mehr geschrieben als Leibniz. Es ist erstaunlich, dass Deutschland, dem dieser Mann allein so viel Ehre macht wie Platon, Aristoteles und Archimedes ihrem Heimatland zusammen, noch nicht das gesammelt hat, was aus seiner Feder hervorgekommen ist.«

Diderots Lob für Leibniz und sein Tadel für dessen deutsche Nachwelt treffen noch heute zu. Freilich müssen die 200.000 Blatt aus Leibniz’ Nachlass auch erst einmal entziffert, verstanden und ediert werden. Der sächsische Universalgelehrte äußerte sich zu allen denkbaren Wissensgebieten in sieben Sprachen: vor allem in Latein, Französisch und auf Deutsch. Er war ein Workaholic. Hatte er doch im Oktober 1674 für sich notiert und die Bemerkung extra unterstrichen: »Malo enim bis idem agere, quam semel nihil«, »Lieber will ich zweimal dasselbe tun als einmal nichts.«

Entsprechend groß ist die Herausforderung für uns, die Editoren seiner nachgelassenen Schriften. Leicht hat es Leibniz den Nachgeborenen nicht gemacht, die in der Regel auch nicht mehr wie er Latein wie eine zweite Muttersprache beherrschen und zudem mühsam herausfinden müssen, inwelcher Reihenfolge Leibniz seine Gedanken niedergeschrieben hat. Denn Denken und Schreiben waren für ihn nur zwei Seiten derselben Medaille.

Seine zahllosen Streichungen, Ergänzungen und Ersetzungen machen das Schriftbild zu einem nur schwer entwirrbaren, meist undatierten Labyrinth. Das Beispiel einer Handschriftenseite aus dem Jahr 1683 zeigt, welche Wege seine Gedanken einschlugen. Leibniz hatte bemerkt, dass man in Sachsen den Barwert einer in der Zukunft geschuldeten Summe nach einer absurden Formel berechnete. In dieser Studie leitet er den richtigen Wert ab. Als ich dieses Blatt vor einigen Jahren zu entziffern hatte, brauchte ich meine jahrzehntelangen Erfahrungen im Umgang mit solchen Texten. Die Entzifferung kann einige Stunden dauern und ähnelt einem Krimi: Der zusammenhängende Text muss Sinn ergeben, die Sprache muss fehlerfrei sein und man muss die handschriftlichen Eigenheiten berücksichtigen. Letztlich galt aber auch hier der meinen Mitarbeitern ans Herz gelegte Grundsatz: Wir bekommen alles heraus.

Zur Person

Eberhard Knobloch widmet sich seit mehr als 40 Jahren Gottfried Wilhelm Leibniz. Seit 1976 leitet er verschiedene Reihen der Leibniz-Edition an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Kolumne "Meine Tage mit Leibniz"

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