Hinaus in die weite Welt

... mit Angelika Brandt

Im August und September sind wir mit 40 Wissenschaftlern aus neun Nationen auf dem Forschungsschiff "Sonne" im Nordwest-Pazifik unterwegs gewesen. Unser Ziel war es, die Biodiversität der Tiefsee zu erforschen. Das Ochotskische Meer ist vom Pazifik durch zwei Meeresstraßen zu erreichen. Dazwischen liegt jedoch der Kurilen-Kamtschatka-Graben. In einigen Bereichen ist er tiefer als 9.500 Meter.

Wir stellen uns die Frage, ob der Graben möglicherweise eine Isolationsbarriere darstellt, oder ob er von Tiergruppen passiert werden kann. Unsere Untersuchungen haben eine viel höhere Biodiversität in dieser Region gezeigt, als von früheren Expeditionen bekannt war. Wahrscheinlich, weil wir feinmaschigere Netze eingesetzt haben.

Unsere tiefste Untersuchungsstation lag 9.583 Meter unter dem Meeresspiegel, tiefer als das Himalaya-Gebirge hoch ist. Die Spannung war daher auch sehr groß, als der Epibenthosschlitten dann endlich nach vielen Stunden des Einsatzes zurück an Deck kam. Was wir sahen, hat uns alle jubeln lassen: Die Netzbecher waren voller Igelwürmer, Seegurken, Flohkrebse, Muscheln und vielen anderen Tieren. Größere Arten wurden bereits im Kühlraum heraussortiert. Wir haben interessante Wirt-Parasiten-Beziehungen gefunden und neue Arten nachgewiesen, die bisher nur in flacheren Meeresregionen entdeckt wurden. Und wir haben Muschelkrebse in 8.700 Metern Tiefe nachgewiesen. Diese Entdeckung war besonders überraschend, da man bisher angenommen hatte, dass sie in diesen Tiefen wegen des hohen Drucks nicht existieren können. Unsere Expedition war ein großer Erfolg!

Was ist wohl diesmal ins Netz gegangen? Arbeit an Bord der Sonne.

An Bord wird während solcher Expeditionen zwar rund um die Uhr hart gearbeitet, aber die Mannschaft der "Sonne" unterstützt uns Wissenschaftler. Beeindruckt hat uns besonders unser Koch, der an Bord köstliches Essen zaubert. Wer es darauf anlegt und täglich alle drei warmen Mahlzeiten genießt, inklusive eines 3-Gänge-Mittagsmenüs, kann in sechs Wochen auch schon mal sechs bis sieben Kilogramm zulegen.

Sogar eine eigene Sprache hat sich in dieser Zeit entwickelt. Neben Englisch hört man oft die Muttersprache der anderen Wissenschaftler. Und irgendwann kommt es dann vor, dass man die deutschen Kollegen auf Englisch anspricht oder die Russen auf Spanisch. Eine Kollegin hat dieses Sprachenkonglomerat an Bord "Sonnisch" getauft.

Insgesamt waren wir 40 Tage, 22 Stunden und 36 Minuten auf See. In dieser Zeit haben wir 3.985 nautische Meilen zurückgelegt, 106 Stationen angefahren und 3.123 Unterproben inventarisiert. In unseren Heimatlaboren wird die weitere Analyse der Proben sicher noch mehr Rekorde und Überraschungen bereit halten.

Zur Person

Angelika Brandt ist Professorin am Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg. Die Expedition KuramBio II war eine Kooperation mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturkunde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung, geleitet von Pedro Martinez Arbizu. Weitere Eindrücke und Anekdoten wurden für den Blog der Expedition gesammelt.

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