Hinaus in die weite Welt

... mit Ulrich Polom

Seit Anfang der 1980er Jahre kommt es an den Küsten des Toten Meeres zu sehr vielen Erdfällen. Diese gefährden Siedlungen, wichtige Straßen und sind in ihrer Prozessgeschwindigkeit ein besonderes Phänomen. Seit März 2013 erforsche ich mit DESERVE-Wissenschaftlern die Erdfälle bei der jordanischen Ortschaft Ghor Al-Haditha. Als Ursache der meist spontanen Einbrüche der Erdoberfläche wird das rapide Absinken des Meeresspiegels seit etwa 40 Jahren um rund einen Meter pro Jahr vermutet. Was allerdings genau im Untergrund vor sich geht und wie es sich zukünftig entwickelt, ist noch weitgehend unbekannt.

Wir erproben dort geophysikalische Methoden in verschiedenen Tiefenskalen, da Bohrungen sehr teuer und risikoreich sind. Unser Ziel ist es, physikalisch belastbare Daten aus bis zu 200 Metern Tiefe zu gewinnen. Dazu führen wir jährlich Messkampagnen von 14 bis 20 Tagen durch, bei denen wir in internationalen Teams zusammen arbeiten, wohnen und über die wissenschaftlichen Fragen diskutieren. Als Basis nutzen wir eins von etwa 60 Häusern, die das Jordanische Königshaus speziell für Forscher errichtet hat.

LIAG Teepause zwischen den Messungen.

Dort leben und arbeiten wir inmitten der lokalen Bevölkerung, weitab von touristischem oder städtischem Komfort, nutzen örtliche Nahrungsmittel und Logistik. Die Messarbeit am Tage wird bestimmt von Sonnenaufgang und -untergang, begleitet von den Gesängen des Muezzin. Die Abende sind gefüllt mit Datenaufbereitung und Fachdiskussionen. Die Freizeit beschränkt sich auf etwa eine Stunde am Tag, freitags etwas mehr, wenn die muslimischen Kollegen zum Gebet in die Moschee gehen. Es gibt ab und zu Giftschlangen und die Hygiene im Camp ist nicht vergleichbar mit Europa, aber unsere jordanischen Kollegen habenden besonderen Ehrgeiz, uns täglich aufs Neue mit der arabischen Gastfreundschaft, Küche und Mentalität zu überraschen.Morgens sehen wir Kinder zur Schule gehen, tagsüber wird auf den kargen Feldern gearbeitet und abends erlebt man das lokale „Nachtleben“ in verschlungenen Gassen mit seinen vielen kleinen bunten Lichtern.

Jede Messkampagne liefert uns Dutzende Gigabyte Rohdaten, die wir über Monate auswerten und zu Ergebnissen formen. So konnten wir neue Erkenntnisse über den Untergrund und die Erdfall-Prozesse gewinnen. Aber natürlich reicht uns das noch nicht. Die gemeinsamen Erlebnisse, die in vielen Stunden erarbeiteten Ergebnisse sowie die gewachsenen persönlichen Beziehungen bestärken uns darin, auch in Zukunft zusammen zu arbeiten.

Zur Person

Ulrich Polom ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) in Hannover. DESERVE (DEadSeaResearchVEnue) ist ein virtuelles israelisch-jordanisch-deutsches Gemeinschaftsinstitut, das von der Helmholtz-Gesellschaft koordiniert wird.

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