Mein Traum

... mit Markus Promberger

In Leibniz‘ Idee der besten aller möglichen Welten steckt für mich eine Forderung an die Wissenschaft: Sie soll ihren Beitrag dazu liefern, unsere Welt so mitzugestalten, dass nachhaltig und verlässlich das Beste für alle dabei entsteht. Wie das geht, ist Logik, Vernunft, Arbeit und Dialog. Schön. Doch die wirkliche Welt ist weit davon entfernt. Ökologische, politische und soziale Probleme begegnen uns tagaus, tagein vor unserer Tür, und wenn wir unser Haus nicht verlassen, dann in den Medien.  

Wovon ich träume? Die Menschen beeinflussen die sie umgebenden Ökosysteme meistens zu ihren Ungunsten. Dies hat Ursachen und Folgen in politischen und sozialen Strukturen und Prozessen, in Kulturen, Interessen und begrenzten Rationalitäten. Ich träume davon, dass die Einzelwissenschaften stärker über Fachgrenzen vernetzt und international vergleichend arbeiten. In meinem Feld von Arbeit, Armut und Sozialpolitik müssen die Grenzen zwischen Anthropologie, Geschichte, Geographie, Ökonomie, Politikwissenschaft, Sozialpsychologie und Soziologie durchlässiger werden, um weitere Erkenntnisfortschritte zu erzielen.

Boost Die Wissenschaftler erforschen resiliente Lebenspraktiken von Haushalten mit geringem Einkommen in Europa. Im Februrar begleiteten sie Rentierhirten in Lappland beim Eislochfischen.

Diesen Traum versuche ich momentan, in einem Projekt umzusetzen. Ich möchte das Konzept der Resilienz, also der Fähigkeit Krisen zu meistern, für die Sozialpolitikforschung fruchtbar machen. Für viele Familien mit niedrigem Einkommen in Europa hat die Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 zu erheblichen sozioökonomischen Problemen geführt, für andere sind die Ursachen ökologische oder politische Entwicklungen wie die globale Erwärmung oder die Kriege im nahen Osten. Eine kleine Minderheit schafft es, sich schnell und unorthodox an die Krise anzupassen, denn ihnen stehen Ressourcen und Fähigkeiten zur Verfügung – von der Nutzung von Gemeingütern (Natur, Wasser, Transport, Bildungszugang) über Wissen, Familienzusammenhalt, soziale Beziehungsnetzwerke bis zu alternativen Wertesystemen. Diese Ressourcen liegen nicht unbedingt auf der Straße oder im Charakter des Individuums, sondern werden in langfristigen Prozessen sozial produziert und zugänglich gemacht.

Resilienz ist für mich kein Argument die Sozialpolitik zu beenden, indem man sagt, das Opfer sei selbst schuld, wenn es mit der Krise nicht umgehen kann. Resilienz kann vielmehr ein Startpunkt für eine Sozialpolitik sein, die keine simplen Rezepte anwendet, sondern bei den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Bürger anknüpft und die nötigen Ressourcen, aber auch das gesellschaftliche Umfeld so entwickelt, dass Selbsthilfe entstehen und wachsen kann und Armut überwunden wird.

Denn das ist mein großer Traum, den ich mit vielen anderen Sozialwissenschaftlern und Sozialwissenschaftlerinnen teile: Der Traum einer besseren Welt und einer nachhaltig lebbaren Zukunft. Ob Gott die Welt bestmöglich geschaffen hat, wird uns verborgen bleiben, Leibniz‘ logischen Argumenten zum Trotz. Dass wir Menschen es sind, die wesentlichen Einfluss auf ihre Zukunft haben, ist offensichtlich.

Zur Person

Markus Promberger ist Fellow in der Projektgruppe der Präsidentin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Außerdem leitet den Forschungsbereich "Erwerbslosigkeit und Teilhabe" am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Mehr über ihn und seine Forschung findet man hier.

Weitere Informationen zum Projekt RESCuE (Resilienzforschung) gibt es hier.

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