Warum tun Sie sich das an?

... mit Thomas Vordermayer

 

„Wie fühlt man sich so nach einem Tag mit Hitler?“ Kaum ein Interview zur Arbeit an der im Januar 2016 erschienenen kritischen Edition von „Mein Kampf“ kam in den vergangenen Monaten ohne diese Frage aus. „Sagen Sie, wird man da nicht depressiv?“, wollte gar eine junge Journalistin wissen. In der Tat fällt es nicht schwer, sich schönere Untersuchungsgegenstände vorzustellen als die selbstverliebte Hetzschrift eines Jahrhundertverbrechers.

Und doch war es eine ungeheuer spannende, herausfordernde und auch lehrreiche Zeit. Wir konnten einmal systematisch, bis in die abgelegenen Details, das Denken Hitlers sezieren. So konnten wir seine Manipulationsabsichten gegenüber seinen Lesern offenlegen und uns mit den vielen Legenden kritisch auseinanderzusetzen, die sich bis in unsere Gegenwart um „Mein Kampf“ ranken.

Institut für Zeitgeschichte/Alexander Markus Klotz Keine angenehme Lektüre: Originalausgabe von Mein Kampf

Manchmal ging die Lektüre des Textes aufgrund seiner menschenverachtenden Inhalte tatsächlich an die Substanz. Aber dann half immer das Wissen, dass andere Forscherinnen und Forscher sich täglich mit psychisch ungleich belastenderen Themen auseinandersetzen müssen, etwa dem Holocaust oder dem Völkermord in Ruanda. Verglichen mit der Analyse derartiger Verbrechen erschien und erscheint mir die Arbeit an Hitlers Programmschrift, die auf – teils vage, teils konkrete – Absichtserklärungen beschränkt bleibt, relativ harmlos.

Zur Person

Thomas Vordermayer ist Mitherausgeber von „Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition“, die von 2012 bis 2015 am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin erarbeitet wurde. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Zur kritischen Edition "Mein Kampf"

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