Mitwelt

Aufnahmeprüfung

20.10.2016

Wie können wir unser Bildungssystem auf die Aufgabe Integration vorbereiten? Fünf Leibniz-Forscher antworten.

Niemanden isolieren!

Zuwanderer sind in unserem Bildungssystem nach wie vor unterrepräsentiert. Und zwar auf allen Stufen, von der frühkindlichen Bildung bis zu den Universitäten. Außerdem erbringen sie im Schnitt schlechtere Leistungen als Kinder und Jugendliche deutscher Herkunft. Die Gründe liegen in erster Linie in sozialen Ungleichheiten, die durch Sprachdefizite noch verstärkt werden. Trotz einiger positiver Tendenzen verringert sich der Rückstand gegenüber den Muttersprachlern nicht. Dafür wird es auch leider keine schnellen Lösungen geben. Das A und O für mehr Bildungsgerechtigkeit ist das sichere Beherrschen der deutschen Sprache. Gerade frühkindliche Angebote sind für die Sprachbildung von Kindern von essentieller Bedeutung. Wir müssen diese Angebote für alle Eltern attraktiv machen, zum Beispiel durch kostenfreie Kindergartenplätze. Die große Zahl von Flüchtlingen stellt uns vor eine zusätzliche Herausforderung. Viele von ihnen kommen als Quereinsteiger ins deutsche Bildungssystem, einige sogar, ohne jemals eine Schule besucht zu haben. Es ist wichtig, dass geflüchtete Kinder und Jugendliche so gefördert werden, dass sie schnell in reguläre Schulen gehen können. Insellösungen wie Vorbereitungsklassen helfen zwar, die akute Situation zu meistern. Sie dürfen aber keine dauerhaften Einrichtungen werden. Wenn wir diese Schüler isolieren, wird ihre Integration in die Gesellschaft kaum gelingen.

Kai Maaz, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Frankfurt am Main


Offene Lernorte fördern!

»Labs« sind ein neuer Typus von Orten, an denen experimentell gearbeitet werden kann. In Coworking Spaces mieten sich Kreative ein. In Reparatur-Cafés, offenen Kreativräumen (»Maker Spaces«) und Entwicklungswerkstätten (»FabLabs«) können Menschen gemeinsam Probleme lösen und neue Ideen entwickeln. Viele dieser Einrichtungen sind sehr aktiv in der Flüchtlingsarbeit. In Werkstätten lernen Geflüchtete, Fahrräder zu reparieren. Sie schnappen dort ganz nebenbei die deutsche Sprache auf und lernen Einheimische kennen. Viele Geflüchtete bringen entweder kaum formale Qualifikationen mit oder ihre Qualifikationen werden in Deutschland nicht anerkannt. Sie haben es deshalb schwer, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Hier liegt eine große Stärke offener Lernorte: Jeder kann unabhängig von formalen Qualifikationen teilhaben und Dinge ausprobieren. Mehr noch: Das Alltagswissen der Geflüchteten wird wertgeschätzt, ihre Fähigkeiten, Wünsche und Bedürfnisse werden sichtbar. Offene Lernorte bieten so Wege aus der Passivität, die das Asylverfahren Menschen aufzwingt. Genauso wichtig sind die Beziehungen, die hier entstehen. So wie Kreative Coworking nutzen, um zu »netzwerken« und weniger anfällig für Auftragsflauten zu sein, können Geflüchtete in offenen Lernorten Beziehungen aufbauen. Sie haben das Potenzial, Menschen resilienter, also krisenfester zu machen — emotional, sozial und wirtschaftlich.

Felix Claus Müller & Juliane Kühn, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner


Lasst die Lehrer nicht alleine!

Die Integration von Flüchtlingen in das deutsche Bildungssystem ist noch komplexer als bei den schon länger in Deutschland lebenden Migranten. Geflüchtete sind in Alter und Bildungshintergrund eine extrem heterogene Gruppe. Manche haben eine vergleichsweise normale Schulbildung genossen, andere kommen nur auf drei Jahre Schulbesuch. Viele junge Flüchtlinge sind wegen ihrer Fluchterfahrung »erwachsener « als Gleichaltrige, die in Deutschland aufgewachsen sind. Häufig sind sie allerdings auch traumatisiert. Die meisten Lehrer sind nicht für den Umgang mit traumatisierten Jugendlichen ausgebildet. Wir brauchen deshalb ein Supervisionssystem, in dem etwa Sozialarbeiter und Psychotherapeuten die Lehrer unterstützen. Die Heterogenität der Flüchtlingsklassen erfordert zudem einen Unterricht, der auf individuelle Bedürfnisse eingeht. Im Lesen könnten die Kinder zunächst auch in ihren Herkunftssprachen gefördert werden, um die Lehrer zu entlasten. Dafür müssten die Gruppen kleiner sein und mehr Pädagogen eingesetzt werden — was aber nur mit mehr Geld realisierbar wäre. Für pädagogische Fachkräfte, denen diese und ähnliche Herausforderungen begegnen, hat die Stiftung Bildung und Begabung den Online-Kurs »Kulturelle Vielfalt im Klassenzimmer« entwickelt (www.bildung-und-begabung.de/@ucation), in dem ich mit anderen Experten auftrete. Er enthält Hintergrundinformationen, Materialien und Denkanstöße.

Dominique Rauch, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Frankfurt am Main


Denkt auch an die Erwachsenen!

Die Flüchtlingsdebatte ist stark auf die Schule fokussiert. Dabei ist der Großteil der Flüchtlinge erwachsen. Schon jetzt ist die Erwachsenenbildung sehr aktiv: Sie bietet Sprach- und Integrationskurse und hilft beim Weg in den Arbeitsmarkt. Ihr kommt zugute, dass sie — anders als Schule — mit unterschiedlichen Anbietern wie Volkshochschulen, kirchlichen Einrichtungen oder Betrieben sehr flexibel reagieren kann. Das bedeutet leider auch, dass von den Dozenten sehr viel Flexibilität verlangt wird, bei oft unangemessener Bezahlung. Und dies angesichts besonders hoher pädagogischer Anforderungen. So ist zum Beispiel die Arbeit in Sprachkursen auch deshalb so anspruchsvoll, weil Lehrbücher fehlen, die der Heterogenität von Herkunft und Vorbildung der Teilnehmer gerecht werden. Daher bereiten wir gerade ein Projekt vor, das Lehrkräften hilft, mit einer Suchmaschine Materialien im Internet zu finden, die thematisch interessant sind und zum jeweiligen Sprachniveau passen. Die Erwachsenenbildung kümmert sich aber nicht nur um die Neuankömmlinge, sondern auch um Migrantinnen und Migranten, die bereits länger bei uns sind. Sie nehmen noch deutlich seltener an Weiterbildungen teil als Deutsche. Bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dass auch wir, die Vertreter der aufnehmenden Gesellschaften, mehr als bisher dazu lernen müssen. Ohne interkulturelle Trainings, wie sie etwa in Betrieben üblich sind, und politische Aufklärung wird das nicht gelingen.

Josef Schrader, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung — Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen, Bonn

Vielfalt muss Normalität werden!

Für uns Wissenschaftler war es eine erschreckende Erkenntnis: Migration wird in Schulbüchern immer noch als Krise thematisiert. Darstellungen überfüllter Flüchtlingsboote, die Rede von »Flüchtlingswellen« oder einem »Exodus« wecken das Gefühl einer Bedrohung. Zuwanderer werden oft als Exoten dargestellt. Kein Schulbuch erfüllt den Anspruch, Diversität und Vielfalt als Normalität zu zeigen. Das sind die Ergebnisse unserer Analyse von 65 aktuellen Schulbüchern aus fünf Bundesländern für die Fächer Geschichte, Geografie und Sozialkunde / Politik für die Klassenstufen 7 bis 9. Erfreulicherweise hat diese Studie im Auftrag der Bundesregierung aber einiges in Bewegung gebracht: Viele Schulbuchverlage öffnen sich für die Problematik, und es hat auch bereits erste Workshops mit Schulbuchredakteuren gegeben. Uns ist klar, dass Schulbücher didaktisch vereinfachen müssen und nicht jede wissenschaftlich wünschenswerte Komplexität abbilden können. Sinnvoll wäre es deshalb, wenn Schulbücher vor dem Erscheinen einem kritischen Lektorat unterzogen würden, das auch Fachwissenschaftler einschließt. Einige Verlage wollen entsprechende Expertennetzwerke einrichten, auf die bei kritischen Fragen zurückgegriffen werden kann. Das ist eine Entwicklung, die Hoffnung macht.

Inga Niehaus, Georg-Eckert-Institut — Leibniz-Institut für Internationale Schulbuchforschung, Braunschweig

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