Mitwelt

Das Wissen der Masse

15.12.2016

Die Psychologin Ulrike Cress erforscht, wie Internetnutzer gemeinsam Wissen erschaffen. Ein Gespräch über Selbstorganisation, Wikipedia und Filterblasen.

 

Frau Cress, mit Ihrer Arbeitsgruppe „Wissenskonstruktion“ untersuchen Sie, wie Web-Communities neues Wissen konstruieren. Wo funktioniert das besonders gut?

Wikipedia ist wahrscheinlich das bekannteste und eines der erfolgreichsten Beispiele. Die Qualität der Plattform ist hoch und gut geprüft. Auch die Quantität ist fast unübertrefflich, es ist die größte Enzyklopädie der Welt. Millionen Nutzer leisten dazu gemeinschaftlich ihren Beitrag und erstellen täglich neue Artikel. In diesem Ausmaß gibt es Wissenskonstruktion sonst eigentlich kaum.

Zählt also mehr die Masse und weniger das Individuum?

Ich glaube, es ist immer ein Zusammenspiel von beidem. Menschen sind ja keine Klone, sondern Individuen, die kooperieren. Und die Wissenskonstruktion – auch Massenkollaboration genannt– lebt davon, dass die vielen Individuen ihre je eigene Sichtweise und ihr je eigenes Wissen einbringen. Nur dann kann Vielfalt entstehen und Themen können wirklich umfassend abgedeckt werden.

Wer profitiert am Ende von der Kollaboration – der Einzelne oder die Gemeinschaft?

Beide. Das individuelle Wissen und das kollektive Wissen entwickeln sich gemeinsam weiter. Der Einzelne, der an einem Wikipedia-Artikel schreibt oder im Forum diskutiert, verändert seine Einstellung. Auch der gemeinsame Text, der die Gruppe repräsentiert, wächst und verändert sich. Es ist eine Entwicklung, die parallel verlaufen oder gegeneinander gehen kann, aber sie bedingt sich gegenseitig. Es ist Ko-Evolution.

In den vergangenen Wochen wurde viel über Filterblasen in den digitalen Medien gesprochen. Bei Facebook zum Beispiel sehen viele Menschen nur das, was sie sehen wollen und was ihren eigenen Werten entspricht. Voneinander zu lernen ist dann nicht mehr möglich.  

Die Filterblasen sorgen natürlich dafür, dass eine Gruppe nur noch unter sich diskutiert. Damit gehen die Vielfältigkeit und die Offenheit verloren.

Also haben die Sozialen Medien im Hinblick auf Wissensgenerierung auch negative Tendenzen? 

Es gibt zumindest beide Tendenzen. In der Masse potenziert sich alles. Bei Wikipedia haben wir die Situation, dass sich quasi „das Positive“ potenziert. Auf Facebook oder in Foren geschieht leider häufig gerade das Gegenteil. Etwa bei Hasstiraden oder Verschwörungstheorien.

Dennoch spricht man auch hier von Wissenskonstruktion?

Die Frage, was Wissen ist, ist immer sozial definiert. Auch die Verschwörungstheoretiker würden sagen, sie seien informiert – nämlich über die Verschwörung. Das heißt, die Gruppe oder die Gesellschaft definieren, was anerkanntes Wissen ist. Bei Wikipedia gibt es Normen: Die Aussage muss objektiv und belegbar sein. In Facebook-Gruppen oder Foren mag es andere Normen geben. Der Begriff Konstruktion sagt, dass das, als Wissen zählt, konstruiert werden muss, und nicht einfach gegeben ist.

In Internetforen geben sich Internetnutzer gegenseitig Alltagstipps, sprechen über ihre Probleme oder tauschen sich über ihre Hobbies aus. Was erforschen Sie da?

Wir untersuchen zum Beispiel Medizin-Foren. Der Patient, in diesem Fall ein Laie, ist krank und erhält von seinem Arzt eine Diagnose. Natürlich versucht er diese zu begreifen, doch oft versteht er die medizinischen Begriffe nicht. Das heißt, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist gestört. Der Laie geht dann ins Internet und sucht sich die Informationen selbst zusammen. Das ist dann auch ein Wissenskonstruktionsprozess. In meiner Arbeitsgruppe fragen wir uns auf der einen Seite: Wie bekommen wir den Laien dazu, dass er die wissenschaftliche, die medizinische Seite versteht. Und auf der anderen Seite beschäftigen wir uns mit der Frage, wie der Mediziner verstehen kann, was den Laien wirklich beschäftigt. Diese Komunikation zwischen Experten und Laien ist nicht immer erfolgreich, sondern muss eventuell angeleitet werden.

Und Sie geben diese Anleitung?

Ja. Wir werten Web-Foren aus, um zu verstehen, was der Patient wissen will, was ihn beschäftigt. Und wir bringen Foren auch in die Arztausbildung in Tübingen. Dort lernen die angehenden Mediziner dann, wie sie auf Patientenanfragen antworten. Durch die Arbeit mit den Foren verstehen sie die Sichtweise der Patienten besser und lernen, auf diese gezielt einzugehen. Erst dann können die zwei Parteien auch verständlich miteinander kommunizieren.

©Ulrike Cress

Zur Person

Prof. Dr. Ulrike Cress ist ab Januar 2017 Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM). Seit 2008 ist sie Leiterin der Arbeitsgruppe „Wissenskonstruktion“ am IWM und Professorin an der Eberhard Karls Universität Tübingen im Fachbereich Psychologie. Cress beschäftigt sich mit sozial- und kognitionspsychologischen Prozessen, die bei der gemeinsamen Konstruktion und Nutzung von Wissen relevant sind. Sie analysiert, welche Potentiale das kooperative Lernen mit Computern hat und wie das Internet Massenkollaboration ermöglicht.

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