Umwelt

Der Kampf um den Milchpreis

29.12.2016

Seit einigen Wochen müssen wir im Supermarkt mehr für die Milch zahlen. Geht es den Bauern dadurch besser? Und wer bestimmt eigentlich den Milchpreis? Ein Gespräch mit dem Agrarmarktforscher Aaron Grau.

Herr Grau, wo haben Sie zuletzt Ihre Milch gekauft und was haben Sie dafür bezahlt?

Im Supermarkt, bei Edeka. Gezahlt habe ich etwa 60 Cent für den Liter, es handelte sich um die Edeka-Eigenmarke.

Fanden Sie den Preis angemessen?

Was die konventionelle Standardmilch angeht, finde ich 60 Cent akzeptabel. Das European Milk Board argumentiert, dass Milchbauern ungefähr ein Preisniveau von 45 Cent für den Liter Rohmilch benötigen, um diese unter Berücksichtigung von Tierwohl und Umweltschutz kostendeckend produzieren zu können. Dies ist aber nur eine der Zahlen, die in diesem Zusammenhang genannt werden. Hinzu kommen noch die Produktionskosten der Molkereien. Vor ein paar Wochen war die Lage viel kritischer, da lagen die Preise bei 40 oder 45 Cent pro Liter.

Wer bestimmt denn, wie hoch der Preis ist?

Nehmen wir als Beispiel den letzten Preissprung: Vorher kostete der Liter Milch bei Aldi 42 Cent, jetzt zahlt man 62. Der Grund für diese Steigerung sind Verhandlungen zwischen größeren Molkereien und Aldi. Diese haben eine Signalwirkung für die gesamte Milchbranche. Die letzten Verhandlungen sind besonders günstig für die Molkereien ausgefallen, sie konnten ihre Preisforderungen durchsetzen. Aldi hat diese an den Konsumenten weitergegeben, also den Preis für eine Packung Milch erhöht. Die anderen Supermärkte oder Einzelhändler haben mit Aldi gleichgezogen und ihre Preise angepasst.

Ist denn der aktuelle Milchpreis fair?

Darüber wird viel diskutiert. Die Bauern haben sicherlich am meisten unter dem niedrigen Milchpreis gelitten und leiden auch immer noch darunter, denn im Vergleich zu seinem Stand von vor 2014 ist er immer noch sehr niedrig. Und dann geht es natürlich um die Frage, ob die niedrigen Milchpreise an den Konsumenten weitergegeben werden. Im Falle von Milch an sich kann man vielleicht davon sprechen. Bei Schokolade sieht das schon wieder anders aus. Milch ist ein Hauptbestandteil für die Produktion von Schokolade. Die Schokoladenindustrie profitiert natürlich von dem niedrigen Milchpreis – aber ist die Schokolade damit wirklich günstiger geworden? Ich persönlich habe das nicht beobachtet.

Ausgenutzt werden also Bauern und Konsumenten?

Mit Pauschalvorwürfen muss man vorsichtig sein. Und es ist wichtig, die Hintergründe der aktuellen Entwicklungen zu verstehen.

Und die wären?

Der deutsche Milchpreis ist stark an den internationalen Weltmarkt gekoppelt. Dadurch, dass wir in Deutschland mehr Milch produzieren, als wir verbrauchen, muss der Rest exportiert werden. Ende 2014 kam es zu einem gewaltigen Nachfrageeinbruch der Hauptabnehmer für Milch – Russland und China. Das hat sich weltweit auf den Milchpreis ausgewirkt.

Warum ausgerechnet China und Russland?

Warum in China die Nachfrage derart eingebrochen ist, weiß ich nicht. Im Fall von Russland sind die Ukraine-Krise und die darauffolgenden gegenseitigen Sanktionen dafür verantwortlich. Im August 2014 kam es zum endgültigen Import-Stopp nach Russland. Das Land war damals der größte Käse- und Butterimporteur weltweit. Wenn ein solcher Markt wegbricht, hat das natürlich gravierende Folgen für die Exportländer.

Dadurch ist der Milchpreis also nach 2014 so stark gefallen?

Das ist einer der Gründe. Ein anderer ist die zeitgleiche Ausweitung der Milchproduktion in Deutschland, aber vor allem in anderen EU-Staaten wie Irland und den Niederlanden, in Folge der Abschaffung der Milchquote. Beides zusammen hat dazu geführt, dass der Milchpreis zwischen November 2013 und Juni 2016 um 44,5 Prozent gefallen ist. Die Bauern bekamen statt 41 Cent pro Liter nur noch 22,18 Cent. Ein dramatischer Wertverfall.

Dann war die Milch jetzt lange Zeit sehr billig.

Genau. Seit Juli erholt sich der Rohmilchpreis nun langsam, vor allem durch die Preiserhöhung. Die Bauern erhalten immerhin 3 Cent mehr für den Liter. Das bedeutet aber nicht, dass die Krise überstanden ist. Aber es geht zumindest aufwärts.

Was bedeuten die Niedrigpreise für die Bauernhöfe und ihre Tiere?

Etwa 10.000 Milchbauern mussten in den letzten Jahren die Milchproduktion aufgeben. Das hängt auch mit dem Wegfall der Milchquote zusammen. Diese war 1984 von der Europäischen Gemeinschaft eingeführt worden, um “Milchseen” und “Butterberge” zu vermeiden. 2015 wurde die Quote wieder abgeschafft, weil man sich von einer Liberalisierung des Marktes mehr Effizienz versprach, sprich: niedrigere Preise bei gleicher Produktionsmenge. Die vorangegangene Hochpreisphase und die Aussicht auf die künftige Abschaffung der Milchquote hatte viele Bauern motiviert, zu investieren und ihre Produktion zu erweitern. Dafür mussten sie natürlich Kredite aufnehmen. Durch die Milchpreiskrise können nun viele Landwirte nicht einmal mehr die Produktionskosten ihrer Betriebe decken. So machen sie natürlich Verluste und können ihre Kreditschulden nicht zurückzahlen.

Wie wird der Milchpreis wieder fair für die Bauern?

Man müsste die Verhandlungsposition der Molkereigenossenschaften gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel stärken. Die Genossenschaften, zu denen sich die Bauern schon vor Jahrzehnten zusammengeschlossen haben, wurden eigentlich gegründet, um ein Gegengewicht zu den Privatmolkereien aufzubauen. Über 70 Prozent der deutschen Milch ist heute genossenschaftlich gebunden. Doch häufig sind die Genossenschaften nicht in der Lage, gegenüber dem noch stärker konzentrierten Lebensmitteleinzelhandel hohe Preise durchzusetzen und somit einen ausreichend hohen Milchpreis zu zahlen.

Woran liegt das?

Die genossenschaftlichen Molkereien produzieren meist nur Handelsmarken im Auftrag des Einzelhandels. Also immer die günstigsten Produkte im Supermarkt, Milch und Butter von gut&günstig, ja! oder den Aldi-Marken. Mit dieser Handelsware lässt sich leider kein großer Umsatz erwirtschaften. Herstellermarken wie Müllermilch sind im Supermarkt wesentlich teurer, Geld, das vielleicht auch am Ende beim Bauern ankommen könnte. Privatmolkereien konkurrieren mit Genossenschaften um Rohmilch. Da Genossenschaften nur geringe Preise für ihre Produkte erzielen, können sie nur einen niedrigen Milchpreis zahlen auszahlen. Privatmolkereien sind vor allem an einem niedrigen Einkaufspreis interessiert. Sie sehen, vor allem in Überangebotsphasen, keinen Grund, mehr zu zahlen als die benachbarten Genossenschaften. Langfristig wäre es wohl die beste Option, wenn Genossenschaften auch Marken produzieren könnten. Der Aufbau einer Marke ist jedoch sehr kostenintensiv und es besteht immer das Risiko, dass sich die Marke nicht verkauft und man viel Geld in den Sand setzt.

Was ist mit Biomilch? Ist dieses Geschäft rentabler für die Bauern?

Der Biomilch-Rohpreis liegt aktuell bei 46 Cent, also 20 Cent höher als bei konventioneller Milch. Dieser Preis blieb auch während der Krise stabil auf diesem Niveau, da Käufer von Biomilch bereit sind, freiwillig einen höheren Preis zu zahlen. Die Biomilchbauern leiden also deutlich weniger unter dem Milchpreis. Diese Alternative steht aber nicht allen Bauern offen, da die Biomilchproduktion momentan nur etwa 3 Prozent der Gesamtproduktion in Deutschland ausmacht. Außerdem ist die Umstellung auf Bio ein langjähriges, kostenintensives Unterfangen und lohnt sich nur, wenn in direkter Umgebung eine Molkerei an Biomilch interessiert ist.

Wie wird sich der Milchmarkt entwickeln und wie geht es weiter mit den Preisen?

Ich vermute, dass wir in den nächsten Jahren einen starken Wandel auf der Ebene der Molkereigenossenschaften erleben werden. Einige Genossenschaften werden nicht überleben können, aber es werden neue entstehen. Die treten vielleicht schon mit einer eigenen Marke oder einem geografisch geschützten Siegel auf. Solche Produkte können dann wieder besser vermarktet werden und höhere Gewinne erzielen. Und dann kommt am Ende auch mehr Geld beim Bauern an.

Zur Person

Aaron Grau ist seit April 2013 Doktorand in der Abteilung Agrarmärkte des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO). Der studierte Geograf promoviert zum Thema Milchwertschöpfungskette. Besonderes Augenmerk gilt dem Marktverhalten der beteiligten Akteure und dem daraus resultierendem Marktergebnis.

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