Zwischenwelt

Flucht in eine andere Realität

06.12.2016

Viele Menschen in der DDR haben immer an die Wiedervereinigung geglaubt – manche steigerten sich sogar in einen Wahn hinein. Die Historikerin Fanny Le Bonhomme hat psychiatrische Krankenakten aus den 1960er Jahren ausgewertet. Sie erlauben einen intimen Blick hinter den Eisernen Vorhang.

Frau Le Bonhomme, Sie haben 160 Krankenakten der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Charité in Ost-Berlin ausgewertet. Warum?

Die Psychiatrie ist für mich eine Art Fenster zur Gesellschaft. Die Krankenakten sind historische Quellen, die uns vieles über die DDR erzählen. Mit den Aussagen der Patienten können Spannungen erfasst und analysiert werden, die die sozialistische Gesellschaft durchdrangen.

Die Akten zeigen aber doch gerade nicht die Gesamtgesellschaft, sondern Patienten, die aus ihr herausfallen.

Die Erfahrungen der Patienten gehören aber zum historischen Kontext. Sie zeigen Ängste und Konflikte, die sonst verschwiegen wurden. An ihnen lässt sich ablesen, welche Normen die Menschen übernommen haben und welche nicht.

Was haben Sie Interessantes in den Akten entdeckt?

Hellhörig bin ich erstmals durch eine Bemerkung des Patienten Paul W. geworden, auf die ich in der Aufzeichnung eines therapeutischen Gesprächs stieß. Darin gibt er an, nicht fähig zu sein, marxistisch zu denken. Das hat mich interessiert. Er konnte scheinbar offen sprechen, weil er als Kranker wahrgenommen wurde. Die Behandlung war demnach nicht politisch durchdrungen.

In der DDR gab es keine Meinungsfreiheit, aber ausgerechnet innerhalb der Mauern der Psychiatrie konnten die Bürger offen sprechen?

Sobald die Menschen die Schwelle der Psychiatrie überschritten hatten, wurden sie als Patienten wahrgenommen. Alles, was sie gemacht oder gesagt haben, war damit potenzielles Zeichen einer Krankheit. Das hat sie geschützt.

Wie war das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten?

Die meisten Ärzte der Charité nahmen keine Rücksicht auf ideologische Richtlinien, berufliche Prinzipien waren ihnen wichtiger. Wenn es sich um ein heikles Thema handelte – etwa wenn Patienten gesagt haben, dass sie in den Westen wollen – dann vermerkten die Ärzte das manchmal in der Krankenakte, jedoch nicht in der Akte, die an den Hausarzt ging.

Zeigt sich die Diktatur also gar nicht in diesen Akten?

Doch, aber meist indirekt. Da ist zum Beispiel der Patient, der zur Partei gehört. Er selbst hat Regeln verinnerlicht und bestraft sich dafür, dass er sie bricht. Eine andere Parteigenossin stellt sich als glühende Marxistin vor. Dann beichtet sie dem Arzt, sie hätte konterrevolutionäre Gedanken. Sie bringt es kaum über die Lippen, gibt an, sich zu Tode zu schämen. Einige Patienten können sogar ihr Parteiabzeichen nicht mehr tragen, weil sie sagen, das verdienen sie nicht. Der Unterschied zwischen dem Genossen, der ein Vorbild sein soll, und dem Menschen, der sie sind, führt zu inneren Konflikten. Sie zeigen, dass die Patienten die disziplinarische Kontrolle selbst übernehmen. Der Zwang der Partei wird zum Selbstzwang, die Konflikte werden ins Innere übertragen.

Hat das System es immer geschafft, die Menschen zu durchdringen?

Manchmal klappte es, manchmal nicht. Die Art und Weise, wie die Menschen sich die vom Regime verbreiteten Diskurse aneigneten, hing von ihren individuellen Erfahrungen ab. Ein Mann hat zum Beispiel Angst, dass der Westen ihn mit Strahlen verseucht. Das kann man als Ergebnis von Propaganda sehen. Die Omnipräsenz des Westens zeigt aber auch, dass der offizielle Diskurs bei vielen Menschen gescheitert ist, weil sie ihn immer noch attraktiv finden.

Viele DDR-Bürger hatten den Nationalsozialismus miterlebt und mitbekommen, wie die absoluten Regeln der einen Diktatur durch die einer neuen ersetzt wurden. Muss man unter diesen Umständen nicht wahnsinnig werden?

Das ist ein interessantes Thema. Die Spuren der NS-Zeit zeigen sich auch in den Akten. Ein Patient kommt zum Beispiel in die Klinik, weil er Angst hat, den Hitler-Gruß zu machen.

Was ihm aber noch nicht passiert ist.

Nein, aber er hat es 20 Jahre lang gemacht. Und für ihn ist das wie ein Reflex. In besonderen Situationen denkt er: Was würde passieren, wenn ich jetzt „Heil Hitler“ sagen würde? Anhand seiner Akte habe ich versucht, sein Leben zu rekonstruieren. Er war zuerst in der Hitler-Jugend, dann in der Armee. 20 Jahre lang war er also in Sozialisierungsinstanzen, und plötzlich ist es verboten, zu tun, was er dort täglich getan hat. Auch 15 Jahre nach Ende des Krieges hat er die neuen Regeln noch nicht ganz verinnerlicht. Und damit war er nicht allein.

In Ihrer Arbeit finden sich sehr schöne Wortschöpfungen. Eine davon ist „Wiedervereinigungswahn“. Was ist das?

In einigen Akten werden Wahninhalte beschrieben, in denen das Motiv der Wiedervereinigung auftaucht. Ein Patient spricht davon, dass er zur Genfer Konferenz muss. Diese Tagung, auf der Vertreter der vier Siegermächte die Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung besprachen, fand zwei Tage später wirklich statt. Daran sieht man: Auch wenn die Patienten sich im Wahn von der Realität entfernen, gehört das immer noch zum historischen Kontext, aus dem sie stammen. Er erzählt, dass er einen Deutschlandplan hat und im Westen unbedingt seinen Freund Willy Brandt treffen muss. Eine andere Patientin glaubt, die Schwester von Jesus Christus zu sein und dass bald die Mauer fallen wird. Das ist schon fast poetisch: Sie kommt in den Behandlungsraum und spielt mit einem Stück Seife, sagt „Das ist die Mauer!“. Und dann lässt sie die Seife fallen. Damit ist die Mauer gefallen, aber 25 Jahre früher als in der Wirklichkeit.

Können Sie sich diese Wahnvorstellungen erklären?

Die Wiedervereinigung war immer ein Erwartungshorizont, das haben auch andere Historiker gezeigt. Manchmal kann der Wahn als ein Versuch der Gesundung gesehen werden: Wenn die Realität als unerträglich empfunden wird, dann versucht man, eine andere zu bauen, um seine Ängste zu beruhigen. Um zu überleben. Das ist nur eine Hypothese, aber sie passt zu diesen Akten. Für ein paar Tage oder Monate ist es diesen Menschen gelungen, es in dem geteilten Land auszuhalten. Sie sind geflohen, aber eben nur in eine andere Realität. Es gab den Fall einer Mutter, die durch die Mauer jahrelang von ihrer Tochter getrennt war. Sie kam in die Klinik, weil sie überzeugt war, ihre Tochter wäre nun bei ihr im Osten. Sie hatte Halluzinationen. Am Ende nehmen diese ab, und die Patientin berichtet dem Arzt, sie habe sich einfach vorgestellt, was sie sich so sehr wünschte. In dieser Perspektive zeugen die Formen dieses „Wiedervereinigungswahns“ von der Unerträglichkeit der deutschen Teilung.

Zur Person

Fanny Le Bonhomme war von 2015 bis 2016 assoziierte Doktorandin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Ihre Dissertation „Psychiatrie und Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik. Geschichten von Patienten der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité (Ost-Berlin, 1960-1968)“ erscheint 2017 im Universitätsverlag von Rennes. Derzeit arbeitet Le Bonhomme als Lehrerin für Geschichte und Geographie am Französischen Gymnasium Berlin.

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