Mitwelt

Forschen, teilen, tweeten

15.03.2016

Isabella Peters ist Expertin für Internet-Gewohnheiten. Sie will herausfinden, welche Spuren Wissenschaftler im Netz hinterlassen und wie verändertes Internet-Verhalten die Wissenschaft verbessern kann.

Wir prüfen mit dem DB-Navigator, wie pünktlich unser Zug ist, bestellen am Bahnsteig online schon mal den Salat fürs Abendessen, senden drei Nachrichten über den WhatsApp-Messenger und amüsieren uns dann während der Fahrt über die Postings von unseren Facebook-Freunden. Ein Alltag ohne digitale Systeme ist nicht nur nicht vorstellbar, sondern kaum noch zu bewältigen, weil wir uns alle schon so sehr daran gewöhnt haben. Auf der anderen Seite ändern sich die guten alten Kulturformen Sprechen und Lesen nicht. Warum ist das so? Wie funktionieren und wie ändern sich Gewohnheiten im digitalen Zeitalter? Und wird dadurch irgendetwas besser?

Mit dieser Fragestellung befasst sich Isabella Peters. Die 32-jährige Professorin für Web Science interessiert sich insbesondere für die Gewohnheiten der Berufsgruppe „Wissenschaftler“. Eine Berufsgruppe, deren Alltag sich durch die Digitalisierung gerade komplett verändert. Hier werden Forschungsdaten und Zwischenergebnisse per Dropbox oder Google Drive hergestellt, kommentiert und geteilt und das kollegiale Netzwerk via ResearchGate oder LinkedIn organisiert und gepflegt.

„Dass sich deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunehmend auch international stärker digital vernetzen, ist eine Entwicklung, die ich sehr gut finde“, erklärt Isabella Peters. „Bei ResearchGate, dem „Forscher-Facebook“ sind schon 61 Prozent der deutschen Wissenschaftler, bei XING 57 Prozent und bei LinkedIn 48 Prozent. Internationaler Austausch ist schließlich einer der Erfolgsfaktoren exzellenter Wissenschaft. Allerdings ist es auch so, dass wir in Deutschland im weltweiten Vergleich zwar gut abschneiden, aber nicht am besten. Die USA, Brasilien, Indien, Singapur und vor allem auch China sind schnell, effizient und produktiv, nicht zuletzt wegen ihrer guten Vernetzung. Guckt man sich als Indikator mal an, wie viele Veröffentlichungen als internationale Veröffentlichungen erscheinen, so waren es 2009 circa 44 Prozent. Damit liegt Deutschland auf Platz 13 hinter Mexico.“

Isabella Peters´ Vision ist: Für Forschende eine technologiebasierte und am Menschen orientierte Arbeitsumgebung entwickeln, die ihre wissenschaftliche Produktivität und den Austausch unterstützt. Als Expertin für Internet-Gewohnheiten will Isabella Peters herausfinden, welche Spuren Wissenschaftler warum im Netz hinterlassen und wie verändertes Internet-Verhalten zu quantitativen oder qualitativen Verbesserungen in der Wissenschaft führt. Kommen Forschende beispielsweise zu besseren Erkenntnissen, wenn sie ihre Arbeitsergebnisse tweeten und Rückmeldungen aus Nachbardisziplinen oder von Praktikern, aber auch Laien, bekommen? Kommt Forschung schneller zum Ziel dadurch, dass Wissenschaftler untereinander Aufsätze teilen oder ein Profil in ResearchGate haben und so wissenschaftliche Produkte unmittelbar verbreiten können? Verbreiten sich Lösungsansätze, die jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams sind, mit der Nutzung von Social-Media besser? Wird unsere Wissenschaft gar facettenreicher? Oder sind wir alle in der Google-Blase gefangen und finden nur, was wir letzte Woche schon gesucht haben?

Mit ihrer Idee „am Menschen orientiert“ ist Isabella Peters auf den ersten Blick am Institut für Informatik an der Universität zu Kiel allein, geht es doch bei den anderen 17 Professoren am Institut vornehmlich um Algorithmen, weniger um die Frage „Wie geht der Mensch mit den Systemen um?“ Eine Grenzgängerin ist sie auch fachlich, ist sie doch die einzige Informationswissenschaftlerin unter Informatikern. „Das Überwinden von Disziplinengrenzen ist für mich elementar. Ich arbeite regelmäßig zusammen mit Psychologen, Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und natürlich Informatikern und Informationswissenschaftlern aus unterschiedlichen Forschergruppen. Momentan skype ich regelmäßig Richtung Bloomington, Montreal, Turku, Tel Aviv, Graz und Köln“, erklärt Isabella Peters.

»'Frau Professor' hört man hier kaum.«

Auch an ihrer zweiten und eigentlichen Wirkstätte, der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Kiel, ist sie eine Exotin. Eine Wissenschaftlerin an einer Bibliothek. Das ist neu, da in einer Bibliothek normalerweise nur Praktiker arbeiten, die mit anderen Arbeitsweisen und Fragestellungen an Problem herangehen als eine Wissenschaftlerin. Mittlerweile hat sich die Forschergruppe an der ZBW auf drei Professoren, fünf PostDocs und neun Doktoranden erweitert. Die Bibliothekskollegen haben sich an die „Isabella“ gewöhnt. „Frau Professor“ hört man hier kaum. Hier in der ZBW werden dann aus ihren Forschungsergebnissen konkrete Anwendungen entwickelt. Immer am Menschen orientiert. Im Falle ZBW sind dies Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftsstudierende aus ganz Deutschland.

Wenn Isabella Peters in der ZBW ist, steht ihre Tür immer offen – nicht nur als Symbol für „ich bin gesprächsbereit“, sondern auch für den guten Arbeits-Sound. „Es gibt nichts Motivierenderes, als wenn neben Dir einer arbeitet“, sagt Peters. „Wenn ich allein bin, mache ich mir auch gern mal Coffee-Shop-Geräusche an oder setze mich mit meinem Rechner gleich hinein in den Trubel.“

Podcasts mit Isabella Peters

www.zbw.eu/de/forschung/web-science/

www.youtube.com/watch?v=0UtLhESyqRA

www.youtube.com/watch?v=gSXU2LD77ew

Zur Person

Seit Oktober 2013 forscht Isabella Peters an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Gleichzeitig ist sie die jüngste Professorin am Institut für Informatik an der Universität Kiel und die einzige Frau in dieser Position im Fachbereich. Die 32-Jährige forscht insbesondere über die wissenschaftliche „Produsage“ von Social Media. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Social Media und Web 2.0 (insbesondere nutzergenerierter Content), Science 2.0, wissenschaftliche Kommunikation im Social Web sowie Altmetrics, Wissensrepräsentation und Information Retrieval.

Was heißt Science 2.0?

Der Überbegriff Science 2.0 greift ein Phänomen auf, das schon seit geraumer Zeit stattfindet, dessen Wirkungsmechanismen bislang aber nicht erforscht sind: Die Entwicklung der Wissenschaft hin zu einer völlig veränderten und primär digitalen Partizipation, Kommunikation, Kollaboration und Diskussion in Forschungs- und Publikationsprozessen. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nutzen zunehmend Wikis, Blogs und andere kooperative Kommunikationskanäle, wie soziale Netzwerke, um Ideen, Theorien und Konzepte bis hin zu Erkenntnissen online zu teilen. Die ZBW unter Leitung des Medieninformatik-Professors Dr. Klaus Tochtermann befasst sich mit der Frage, wie das World Wide Web mit seinen zahlreichen Web-2.0-Anwendungen Forschungs- und Publikationsprozesse in der Wissenschaft nachhaltig verändert und welche Wirkungsmechanismen dieser Veränderung zugrunde liegen.

Mehr lesen

www.leibniz-science20.de

www.science20-conference.de

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