Mitwelt

Schlechte Karten im Finanzsektor

15.09.2016

Immer noch haben Frauen in Deutschland deutlich schlechtere Chancen auf eine Führungsposition als Männer. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Branchen, wie ein neuer Bericht zeigt. Einige Fragen dazu an die Autorin Elke Holst, Forschungsdirektorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Frau Holst, der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist in Deutschland seit Jahren deutlich geringer als der der Männer. Haben sich die Chancen der Frauen, eine Führungsposition zu besetzen, mittlerweile verbessert?

Elke Holst: Im Beobachtungszeitraum von 2001 bis 2014 haben sich die Chancen der Frauen im Vergleich zum Ausgangsjahr zumindest nicht statistisch signifikant verbessert. Bei den Männern waren sie, außer in den letzten beiden Jahren, stets besser als im Ausgangsjahr.

In welchen Branchen ist das Missverhältnis am größten?

Der Gender Leadership Gap, also die Differenz zwischen dem Anteil von Frauen an allen abhängig Beschäftigten und dem Anteil von Frauen in hohen Führungspositionen, ist besonders hoch in der Finanzbranche und in der Öffentlichen Verwaltung.

Wodurch sticht die Finanzbranche hervor?

In der Finanzbranche insgesamt sind die Chancen auf eine hohe Führungsposition besonders gut. Dieser Vorteil kommt aber vor allem Männern zugute. Das trifft für die Öffentliche Verwaltung weniger zu, wie unsere Schätzungen zeigen.

Wie sieht es in den anderen Branchen aus?

Frauen haben in nahezu allen Branchen eine geringere Wahrscheinlichkeit in einer hohen Führungsposition zu sein. Am größten ist die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Finanzbranche.

In welchen Branchen besteht die größte Wahrscheinlichkeit, dass Frauen hohe Führungspositionen besetzen?

Das ist im Bereich Handel, Verkehr und Lagerei der Fall. Männer haben hier allerdings immer noch eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Führungsposition zu besetzen, und die ist fast so hoch wie in der Finanzbranche.

Welche Rolle spielt die Einschränkung der zeitlichen Verfügbarkeit durch Kinder und Familie?

Vollzeitarbeit spielt noch immer eine zentrale Rolle für den Aufstieg. Von hohen Führungskräften wird erwartet, dass sie sich ganz für den Betrieb einsetzen und Präsenz zeigen, sowie regional mobil sind. Besteht die Möglichkeit in Vollzeit zu arbeiten, tritt die Rolle von Kindern und Familie als Hemmnis für eine Karriere in den Hintergrund.

Haben es auch die Frauen, die Vollzeit arbeiten können, schwerer eine Führungsposition einzunehmen?

Ja, das haben wir in weiteren Untersuchungen festgestellt. Auch unter den Vollzeitbeschäftigten ist unter Kontrolle der für den Aufstieg wichtigen Faktoren die Wahrscheinlichkeit von Frauen auf eine hohe Führungsposition im Vergleich zu Männern ähnlich gering wie in unserer Untersuchung dargestellt.

Wie könnten die Karrierehemmnisse für Frauen abgebaut werden?

Immer wichtiger wird, dass sich geschlechterstereotype Denkmuster und Strukturen ändern und auch blinde Flecken der Benachteiligung von Frauen aufgearbeitet werden. Das betrifft bestehende staatliche Regelungen genauso wie Regelungen und Praktiken in Unternehmen und anderen Organisationen. Auf diese Weise kann einer ständigen Reproduktion der Chancenungleichheit von Frauen und Männern entgegengewirkt werden.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Aus einer aktuellen Studie wissen wir, dass Deutschland zu der Ländergruppe gehört, die sich im Finanzsektor durch besonders geringe Anteile von Frauen in Führungsgremien und gleichzeitig einer be­sonders geringen Veränderungsdynamik in den letzten Jahren auszeichnet. Weiterhin ist bekannt, dass im europäischen Vergleich die Verdienstlücke zwischen den Geschlechtern im Finanzbereich besonders hoch ist. Bessere Aufstiegschancen von Frauen tragen zur Reduzierung des Gender Pay Gap bei.


Das Gespräch führte Erich Wittenberg. Es erschien zunächst im DIW Wochenbericht 37/2016 "Frauen in Führungspositionen".

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DIW-Wochenbericht "Frauen in Führungspositionen" (PDF)

„Ritt auf der Schnecke“: Interview mit Elke Holst zur gesetzlichen Frauenquote für Aufsichtsräte

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