Umwelt

Ist die Erde in 20 Jahren noch lebenswert, Herr Schellnhuber?

03.08.2016

Wir haben zehn Leibniz-Forscherinnen und -Forscher gefragt, wie sich die Welt entwickeln wird. Einer von ihnen ist der Physiker Hans Joachim Schellnhuber.

 

"Mein Blick durch die rosarote Brille: In 20 Jahren haben wir den Scheitelpunkt der globalen Treibhausgas-Emissionen schon längst überschritten. Die Umsetzung des Klimaabkommens von Paris ist in vollem Gang und die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft auf bestem Wege, sodass wir bis Mitte des Jahrhunderts quasi kohlenstoffneutral wirtschaften. In dem Fall lassen sich die Folgen des Klimawandels einigermaßen gut beherrschen.

Eine düstere Perspektive ist aber mindestens genauso wahrscheinlich: Bis 2036 haben wir zwar erreicht, dass der Ausstoß von Treibhausgasen nicht weiter steigt, aber wir verharren auf sehr hohem Niveau. Zugleich erleben wir Wetterextreme, die alles übertreffen, was die Menschheit je erlebte. Der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt sich weiter und in der Westantarktis hat die Destabilisierung der Eismassen den »Point of no return« überschritten. Das System Erde wäre in seiner vertrauten Funktionsweise nicht zu erhalten.

Je mehr wir aber über die positiven Optionen sprechen, desto eher wird die rosarote Brille zum klarsichtigen Instrument der Realisten!

»Ich wünsche mir eine kontrollierte Implosion des fossilen Systems.«

Kürzlich war ich bei einem Investorenkongress, der ganz im Zeichen des Klimas stand. Es macht Anleger nervös, dass die etablierten Geschäftsmodelle infolge des Klimawandels unattraktiv werden. Noch nervöser macht es sie aber, dass ein bisher wohlgelittenes Geschäft im Lichte der Öffentlichkeit als unmoralisch erscheinen könnte. So erleben wir momentan eine weltweite Bewegung des »Divestment«, den Abzug von Investitionen in fossile Brennstoffe – weil sie unethisch sind. Erst kürzlich verkündete ausgerechnet die Rockefeller-Familie, sich vom Öl-Riesen Exxon zu trennen. Aus moralischen Gründen.

Ich wünsche mir, dass die verschiedenen Ideen viele gleichzeitig ablaufende Innovationsprozesse in Gang setzen. Ich nenne das die kontrollierte Implosion des fossilen Systems. Es bedarf dazu einer Mischung aus Sorge, Anstand und technischem Fortschritt. Vielleicht können wir der Atmosphäre sogar CO2 entziehen – durch Wiederaufforstung und die Nutzung großer Weideflächen für die Agrowaldwirtschaft.

Meine Hoffnung: Wir dekarbonisieren die Weltwirtschaft und gewinnen Flächen für eine nachhaltige Bewirtschaftung zurück. Ein Plan, bei dem die Eigner fossiler Ressourcen verlieren – alle anderen aber gewinnen."

Interview und Text: Andreas Schäfer

Zur Person

Hans Joachim Schellnhuber ist Gründungsdirektor des zur Leibniz-Gemeinschaft gehörenden Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam. Der Klimaforscher ist unter anderem Berater der Bundesregierung. Anfang 2015 gehörte er zu dem Gremium, das die Enzyklika »Laudato si« – »Gelobt seist du« – von Papst Franziskus vorstellte.

Hintergrund

Dieser Text erschien zunächst in der ZEIT-Sonderbeilage „10 Leibniz-Forscher blicken in die Zukunft“. Die Broschüre mit allen zehn Beiträgen kann hier online gelesen werden.

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