Umwelt

Der Libellen-Zähler

18.07.2016

Wenn Klaus-Jürgen Conze auf Pirsch geht, dann kommt er nicht mit toten Tieren nach Hause – sondern mit einer Tasche voller Daten. Der Biologe beobachtet und zählt in seiner Freizeit Libellen. Mit seinen Informationen will er die Politik zum Handeln bewegen.

 

Leibniz: Herr Conze, Sie sind ab Samstag in Schweden. Was machen Sie dort?

Klaus-Jürgen Conze: Zunächst fliege ich auf eine Konferenz über aktuelle Themen der Libellenkunde nach Süd-Schweden. Danach geht es weiter an den Polarkreis. Dort will ich zusammen mit Kollegen aus ganz Europa verschiedene Gewässer auf bestimmte nordische Libellenarten untersuchen.

Sind sie oft im Ausland auf Libellenjagd?

Eigentlich konzentriere ich mich auf Libellen in Deutschland. Aber um Entwicklungen und Wechselwirkungen besser verstehen zu können, ist es nützlich, ab und zu über den Tellerrand zu schauen.

Welche Entwicklungen meinen Sie?

Libellen existieren seit mehr als 300 Millionen Jahren. Sie sind an viele Bedingungen gut angepasst und können beispielsweise auch in Regionen mit starken Winden und in der Wüste leben. Fossilien zeigen, dass die Tiere früher auch schon einmal sehr viel größer waren: Sie hatten bis zu 70 Zentimeter Spannweite. Heute sind sie deutlich kleiner, aber extrem gute Flieger.

Im Vergleich zu anderen Insekten sind sie aber noch recht groß.

Und deshalb haben viele Menschen großen Respekt vor ihnen. Die Libellen tun aber niemandem etwas und können auch nicht stechen. Man braucht also gar keine Angst haben.

Klaus-Jürgen Conze Schau mir in die Augen! Eine gefangene Grüne Flussjungfer (Ophiogomphus cecilia) im Portrait.

Man spricht vom großen Artensterben. Werden die Libellen verschwinden?

Einige deutsche Arten stehen auf der Roten Liste. Pestizide und Überdüngung machen ihnen zu schaffen. Die meisten Libellenarten sind zwar nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht, aber sie sind auch nicht mehr so zahlreich wie früher. Das hat auch Folgen für andere Tierarten. Als Räuber fressen die Libellen zum Beispiel Mücken und andere kleine Insekten. Und dienen selbst für bestimmte Vogelarten als Nahrung.

Wie haben Sie festgestellt, dass die Zahl abnimmt?

Unter anderem durch den Deutschen Libellenatlas, der von der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen e.V. erarbeitet wurde. Mehr als 3.000 Libellenfreunde, überwiegend Ehrenamtliche, liefern Daten zu der Verbreitung verschiedener Arten in den Bundesländern. Durch Zusammenführung der Informationen bekommen wir ein Gesamtbild und können analysieren, wie die 81 nachgewiesenen Libellenarten verteilt sind. Damit wollen wir dann neue Handlungsanreize für die Politik setzen.

Was könnte die tun, um Libellen zu schützen?

Die Renaturierung vieler Fließgewässer in den vergangenen Jahren hat sich positiv auf die darin lebenden Libellen ausgewirkt. Jedoch sind gerade die Moore und kleineren Gewässer in einem schlechten Zustand, hier sind Libellenarten stark im Rückgang. Besonders auf der Kreis- und Bezirksebene versuchen wir, dieses Wissen in die Bevölkerung und die Politik zu tragen, damit wir den Lebensraum verbessern und so die Artenvielfalt weiter schützen können.

Wie viele Libellenarten gibt es denn?

Ungefähr 6.000, davon leben etwa 140 in Europa.

Wird man zukünftig noch weitere Arten finden?

Weltweit sicherlich, in Europa hat man auch erst vor wenigen Jahren noch eine neue Art entdeckt. In Deutschland ist es aber eher unwahrscheinlich. Vermutlich werden sich in Zukunft hier bei uns aber Arten neu ansiedeln, die eigentlich weiter im Süden ansässig sind.

Im Gelände: Klaus-Jürgen Conze beim Libellenseminar in der Lippeaue bei Soest.

Zur Person

Klaus-Jürgen Conze ist Biologe, Mitglied im Vorstand der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen e.V. und Leiter eines landesweiten Arbeitskreises zur Erfassung und zum Schutz der Libellen in Nordrhein-Westfalen. Er ist einer von sieben ehrenamtlichen Artenkennern, die auf der Konferenz der Arten ihre Spezies vorstellten.

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Atlas der Libellen Deutschlands auf ResearchGate

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