Mitwelt

Zwischen Seelenheil und Selbstfindung

15.02.2016

Seit der Antike suchen Menschen beim Pilgern nach Gott – oder sich selbst. Und auch der Kommerz reiste schon immer mit.


Für Christopher Frantzen begann alles mit Hape Kerkeling. Es war 2006 und Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ stand wochenlang auf der Bestsellerliste. Hape Kerkeling beschreibt darin, wie er nach einem Hörsturz eine ärztlich verordnete Auszeit nimmt. Er läuft den spanischen Jakobsweg, von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. „Ich las das Buch und dachte: Das ist es, was ich suche“, sagt Frantzen.

Bis Christopher Frantzen tatsächlich loslief, vergingen noch drei Jahre. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte, kannte niemanden, der pilgerte. Schließlich machte er sich 2009 auf den Weg ins südfranzösische Le Puy-en-Velay. Dort liegt einer der zahlreichen Ausgangspunkte des Jakobsweges. Für eine längere Auszeit fehlte dem Rechtsanwalt und Notar aus Berlin die Zeit, deshalb lief er den Weg in kleinen Etappen, immer ein oder zwei Wochen am Stück. Und hat unterwegs trotzdem ein großes Freiheitsgefühl erlebt. Nach 1.500 Kilometern und fünf Jahren ist er in Santiago de Compostela angekommen.

„Man läuft morgens los und weiß nicht, was der Tag bringt, wen man trifft und wo man am Abend übernachtet“, sagt Frantzen. Der Pilger trägt alles bei sich, was er braucht. Die Bedürfnisse unterwegs sind oft ganz elementar, Hunger oder Durst zum Beispiel. „Das sind Dinge, die man aus dem Büroalltag gar nicht mehr kennt“.

»Pilgern ist nicht nur die älteste, sondern auch eine der aktuellsten Formen der Mobilität.«

Über 230.000 Menschen sind im Jahr 2014 auf dem Jakobsweg gepilgert – und das sind nur diejenigen, die in Santiago de Compostela angekommen sind und ihre Pilgerurkunde abgeholt haben. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Anzahl der Pilger auf dem Jakobsweg mehr als verdoppelt. Weltweit sind jährlich etwa 40 Millionen christliche Pilger unterwegs. Nicht immer stehen bei der Reise religiöse Motive im Vordergrund. Die beliebtesten Ziele aber sind – bei Pilgern aus christlich geprägten Ländern – dieselben wie im Mittelalter: der Jakobsweg, Rom und Jerusalem.

Eine viertel Million Pilger lässt sich jährlich von der Jakobsmuschel, dem Symbol für den Jakobsweg, leiten.

Das Pilgerwesen hat sich über die Jahrhunderte immer wieder an die Lebensumstände der Menschen angepasst, sagt Bettina Gundler, die am Deutschen Museum in München die Abteilung Landverkehr leitet. Sie hat dort im Jahr 2010 die Ausstellung „Unterwegs fürs Seelenheil?! Pilgerreisen gestern und heute“ kuratiert, die Pilgerreisen aus fünf Weltreligionen zeigte. Das Phänomen des Pilgerns gibt es in fast allen Kulturen und Religionen.

„Pilgern ist nicht nur die älteste, sondern auch eine der aktuellsten Formen der Mobilität“, sagt Gundler. Im Christentum habe sich das Pilgern von unten entwickelt und so immer wieder verändert. „Die Wandlungsfähigkeit ist eines der Erfolgsgeheimnisse des Pilgerns.“ Als zum Beispiel die südfranzösische Kleinstadt Lourdes im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Wallfahrtsort wurde, wurden Sonderzüge eingerichtet – schließlich waren viele Wallfahrer, die wegen der Marienerscheinungen kamen, krank und nicht gut zu Fuß.

Und heute, wo Hektik, dauernde Erreichbarkeit und mangelnde Bewegung das Leben vieler Menschen prägen, ist der Jakobsweg eben ein attraktiver Gegenpol zum Alltag. Wobei die Pilger selbst entscheiden, wie lang sie unterwegs sind, wie luxuriös oder spartanisch ihre Unterkünfte sind, ob sie in den Klöstern am Wegesrand Gottesdienste besuchen oder nicht.

Für Christopher Frantzen ist jede Pilgerreise eine kleine Auszeit. „Normalerweise ist mein Leben mit Terminen durchorganisiert“, sagt der 56-jährige Familienvater. „Ich muss immer funktionieren und allen Ansprüchen gerecht werden; ob beruflich oder privat. Das kann man schon manchmal als Hamsterrad empfinden.“ Beim Pilgern seien ganz andere Dinge wichtig. Durch das langsame Vorankommen erlebe er die Natur besonders intensiv. „Wenn man an einer Klippe steht, und plötzlich kommt die Sonne durch die Wolken, ist das wahnsinnig ergreifend. Wenn ein Maler das genau so malen würde, würde man sagen: Das ist völlig übertrieben. Aber so ist es.“

Nach und nach bekomme man beim Laufen den Kopf frei, schildert Frantzen. „Am Anfang denkt man an die Blasen an den Füßen oder den Rucksack auf dem Rücken. Dann fängt man an, über sein Leben nachzudenken. Und nach ein paar Tagen denkt man an gar nichts mehr. Dann läuft man nur noch.“ Für Frantzen ist das Pilgern auch ein religiöses Erlebnis. Die sinnlichere Frömmigkeit des Südens habe ihn tief beeindruckt, sagt er; die Stundengesänge der Nonnen oder eine Fußwaschung von einem Priester.

»Was eint uns als Europäer? Es ist auch dieses Wegesystem, ein gemeinsamer Erfahrungsraum, in dem sich Millionen von Menschen begegnet sind.«

Andere Pilger suchen auf dem Jakobsweg nicht Gott, sondern sich selbst. Manche kritisieren, dass so der ursprüngliche Charakter des Pilgerns verlorengehe und einer Art Schmalspur-Sinnsuche weiche. Jedenfalls ist es an manchen Wegstrecken mit der Ruhe vorbei. Die letzten 100 Kilometer vor Santiago de Compostela seien überfüllt, berichtet Christopher Frantzen. Dort könne man nur noch im Pulk laufen.

Sinnsuche als Massenphänomen: Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Pilger auf dem Jakobsweg verdoppelt.

Die Renaissance der Jakobswege begann in den 1980er Jahren. Die Europäische Kommission ließ damals die Wege erforschen. Viele wurden neu zugänglich gemacht und ausgeschildert. Der ganze Kontinent – vom norwegischen Trondheim bis in den südlichsten Zipfel Portugals – wird von einem dichten Netz an Pilgerwegen durchzogen, das ab dem 11. Jahrhundert entstanden ist. Alle Wege führen irgendwann nach Santiago de Compostela, wo sich der Legende nach das Grab des Apostels Jakobus befinden soll. „Wenn wir uns heute fragen: Was eint uns als Europäer? Dann ist es auch dieses Wegesystem“, sagt Bettina Gundler, „ein gemeinsamer Erfahrungsraum, in dem sich Millionen von Menschen begegnet sind.“

Zum Hype um den spanischen Jakobsweg haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Bücher und Filme beigetragen. Gerade ist die Verfilmung von Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ im Kino zu sehen. Inzwischen kann man sich das Gepäck tragen lassen, in Luxushotels übernachten und isotonische Fitnessdrinks mit einem Aufdruck der Jakobsmuschel kaufen.

Die Kommerzialisierung sei aber kein neues Phänomen, betont Bettina Gundler. „Von Anfang an haben sich am Rande von Pilgerzielen ganze Wirtschaftszweige entwickelt.“ In Jerusalem etwa habe man schon im 4. Jahrhundert Andenken aus Olivenholz geschnitzt. In manchen Regionen sei das Pilgerwesen ein Motor für Entwicklung und Wohlstand gewesen.

»Es war immer dasselbe Prinzip: Erst kam der Kult, dann kam die Infrastruktur.«

Die Ursprünge des Pilgerns reichen in die Antike zurück. Schon damals wurden heilige Stätten wie Gräber und Wirkungsorte von Heiligen oder lebende Personen aufgesucht. Die Christen haben den heidnischen und jüdischen Brauch des Pilgerns übernommen, obwohl es im Christentum, anders als etwa im Islam, kein Wallfahrtsgebot gibt. Mit dem Ende der Christenverfolgung im Jahr 313 wurden Pilgerreisen in größerem Umfang möglich – vor allem nach Jerusalem. „In Jerusalem befinden sich die historischen Orte, an denen sich das Leben Jesu abgespielt hat. Das war und ist für Christen aus aller Welt von großer Bedeutung“, sagt Despoina Ariantzi vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.

Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz/ R. Müller Schon damals gefragt: Pilgerandenken. Hier eine Pilgerampulle des heiligen Menas, 6. - 7. Jahrhundert. Die Ampullen sollten dem Schutz der Gläubigen dienen.


Ariantzi koordiniert eine groß angelegte Studie zur Bedeutung des Pilgerns im Byzantinischen Reich („Für Seelenheil und Lebensglück: Studien zum byzantinischen Pilgerwesen und seinen Wurzeln“). Dabei werden erstmals religiöse, politische und wirtschaftliche Faktoren interdisziplinär und diachron untersucht, also in ihrem geschichtlichen Verlauf.

Die Orte haben sich im Laufe der Zeit verändert, je nach den politischen Bedingungen und theologischen Vorlieben. Rom blieb seit dem 3. Jahrhundert ein beliebtes Ziel. Jerusalem dagegen wurde im 7. Jahrhundert zu gefährlich; die Stadt war von den arabischen Umayyaden besetzt. Im 8. und 9. Jahrhundert entstanden während des Ikonoklasmus neue Heilige und damit neue Pilgerzentren. Im 11. Jahrhundert kam der Jakobsweg dazu. „Das Prinzip war immer dasselbe: Erst war der Kult da, dann ist die Infrastruktur entstanden“, sagt Despoina Ariantzi.

Pilger bildeten neben Kaufleuten und wandernden Königen, die in ihrem Reich nach dem Rechten sehen wollten, die dritte Säule des Reisens im Mittelalter. Meist schlossen sie sich in Gruppen zusammen. Viele Pilger waren monate- oder jahrelang unterwegs. Sie erhofften sich Sündenablass, Heilung, eine besondere Nähe zu Gott oder wollten Dank aussprechen.

Die Mehrheit der Pilger sei streng gläubig gewesen, sagt die Historikerin. Aber es gab auch Menschen, die von Neugierde, Geschäftssinn oder Abenteuerlust angetrieben wurden. Und egal welcher Gruppe ein Pilger angehörte: „Es war stets eine Reise, die die Menschen zum Nachdenken gebracht hat“, sagt Despoina Ariantzi. „Die Quellen geben Aufschluss darüber, was die Menschen unterwegs beschäftigt hat: Wie will ich leben? Was ist der Sinn? Wer bin ich?“

Fragen, die sich auch Christopher Frantzen auf dem Jakobsweg stellt.

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Für Seelenheil und Lebensglück: Studien zum byzantinischen Pilgerwesen und seinen Wurzeln

Unterwegs fürs Seelenheil?! Pilgerreisen gestern und heute (Ausstellung im Deutschen Museum, 2010)

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