Umwelt

Soll man mit denen reden?

01.02.2016

Dass unser Klima sich durch den Einfluss des Menschen wandelt, ist für Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung keine ernstzunehmende Frage mehr. Noch immer gibt es jedoch Lobbygruppen und Privatleute, die dies hartnäckig leugnen. Wie geht man als Wissenschaftler damit um?

Leibniz-Gemeinschaft: Herr Levermann, vor etwas über einem Monat ging die Klimakonferenz in Paris zu Ende. Sind Sie dort auch den sogenannten Klimaleugnern begegnet?

Levermann: Nein, auch wenn es sie vielleicht dort auch gab. Auf der Klimakonferenz haben die Verhandler aber nicht mehr in Frage gestellt, dass es den Klimawandel gibt – sie kennen den Stand der Wissenschaft. Das Problem ist ihnen klar, in Paris ging es um Lösungen.

Welche Rolle konnten die Klimaleugner dennoch in Paris spielen?

Keine relevante, da hat sich etwas geändert seit Kopenhagen: Die Vorstellung, dass der Mensch nicht am Klimawandel beteiligt ist oder dass der Klimawandel keine Rolle für uns spielt, ist einfach nicht mehr haltbar. Das war sie nie, aber es wird immer offensichtlicher.

Im Grunde wurde das ganze Paris-Abkommen um eine Oppositionspartei eines Landes herum gebaut – die US-Republikaner, die den Klimawandel in Teilen anzweifeln. Der Vertrag ist so angelegt, dass er den von den Republikanern dominierten Senat nicht passieren muss.

Es ist tragisch, dass gerade in den USA immer noch viele Menschen die Augen vor dem Klimawandel verschließen. Denn davon geht er nicht weg, und gerade die USA werden von den Folgen hart getroffen – man denke nur an die historische Dürre in Kalifornien, an die Risiken durch Wirbelstürme. In Ländern wie Saudi Arabien gibt es schlicht das Interesse, weiter fossile Brennstoffe zu verkaufen. Andere Staaten wie Indien wollen den fossilen Pfad sogar erst noch einschlagen, um ein vergleichbares Entwicklungslevel zu erreichen wie die Industriestaaten. Am Ende haben aber auch diese Länder nicht die wirren Thesen der Klimaskeptiker aufgenommen, sondern sich als Teil der Weltgemeinschaft für das wirklich historische Abkommen von Paris entschieden.

Wie passen da die Republikaner rein, deren Klimaposition viel mit Ideologie zu tun hat?

Diese ideologischen Überzeugungen wären eigentlich leicht zu entkräften, weil sie einfach falsch sind. Unsere amerikanischen Wissenschaftskollegen geben sich alle Mühe, die Bevölkerung und Politiker aufzuklären. Aber im Fall mancher – nicht aller! – Republikaner scheinen rationale Argumente nicht zu greifen. Das macht ratlos.

Wie liefen die Angriffe der Klimaleugner auf die Klimawissenschaft in der Vergangenheit ab?

Mal kreiden sie winzige Fehler oder Ungenauigkeiten in den Daten an, wie im Fall der Attacken auf den US-Klimawissenschaftler Michael Mann...

…der für sein sogenanntes „Hockeyschläger-Diagramm“ bekannt wurde…

…ein anderes Mal gab es einen Zahlendreher im Weltklimabericht im Kapitel über den Himalaya-Gletscher. Solche Fehler zu machen ist schlecht, aber menschlich – und sie haben nicht das Geringste an den Ergebnissen geändert. Das wurde alles überprüft. Sämtliche Angriffe gegen die Klimaforschung haben sich letztendlich als haltlos herausgestellt.

Und dann war da noch die sogenannte Erwärmungspause.

Es wurde behauptet, dass in den vergangenen zehn, 15 Jahren die globale Mitteltemperatur nicht angestiegen sei. Diese vermeintliche Erwärmungspause wurde medial ausgeschlachtet. Nur: Es gab sie nie. Der Erwärmungstrend war zwar wesentlich schwächer als vorher, aber das war kein Widerspruch zur Klimaphysik. Wenige Monate nach dem Erscheinen des Weltklimaberichts wurde klar, wo die Wärme hin ist, die in den Modellen auftauchte, nicht aber in den Messungen: im Pazifik unterhalb von 700 Metern Tiefe. Bis dahin hatten die Forscher nur in den oberen Meeresschichten gesucht. Weit über 90 Prozent der Energie, die wir durch Treibhausgase zusätzlich auf den Planeten loslassen, wandert aber in den Ozean und erhöht dadurch den Meeresspiegel. Gibt es da eine kleine Schwankung, fehlt diese Energie in der Atmosphäre. Wir konnten also die vermeintliche Erwärmungspause erklären. Heute wird darüber ohnehin nicht mehr geredet: 2014 war das wärmste je gemessene Jahr auf der Erde. Und 2015 wurde noch wärmer.

»Wir müssen mal die Beweislast umdrehen und sagen: Wenn ihr der Auffassung seid, dass wir die Klimaschäden bewältigen können – beweist uns das!«

Wie haben sich die Strategien der Klimaleugner verändert?

Die Gewichtung hat sich verändert. Von Anfang an gab es die Strategie: Wir leugnen, dass all das Kohlendioxid überhaupt etwas ausmacht. Dann hieß es: Selbst wenn wir mehr Kohlendioxid ausstoßen, nehmen es die Wälder oder Meere wieder auf. Weiter ging es mit: Es gibt eine Erwärmung, aber wir können uns an die Folgen anpassen. Und die letzte Stufe ist, auch das gehört zum Repertoire: Es gibt den Klimawandel, aber wir können nichts mehr dagegen tun. Dies alles sind Unwahrheiten, da ist die Forschungslage klar genug.

Ihre Erwiderung?

Man kann doch nicht einerseits sagen, wir wüssten noch gar nicht, wie sich der Klimawandel wirklich auswirkt – und andererseits so tun, als kenne man schon alle seine Folgen, und die seien unproblematisch. Klimaschäden zu verstehen und vorherzusagen, gelingt uns zum Teil sehr gut, manches ist aber noch im Dunkeln. Wirbelsturm Sandy ist ein Beispiel dafür, was unter globaler Erwärmung möglicherweise häufiger vorkommen wird. Aber wir konnten ihn nicht vorhersagen.  Entscheidend ist daher die Risiko-Perspektive: Wir müssen Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenspotenzial abschätzen, und auf dieser Grundlage handeln.

Drastische Klimafolgen zeigen sich schon heute. Ist die Behauptung, der Klimawandel sei gar nicht so schlimm, schon jetzt entkräftet?

Ja. Wir können schon heute ganz eindeutige großskalige Folgen sehen – etwa das Korallensterben. Die Lebensgrundlage von 600 bis 800 Millionen Menschen hängt an diesen Korallen, weil sie bedeutsam sind für die Nahrungsketten im Meer, weil sie wichtig sind für den Tourismus, weil sie Küstenschutz bieten. Es gibt viele Beispiele: Das Schmelzen des arktischen Meereseises. Der Anstieg des Meeresspiegels. Verheerende Hitzewellen wie vor wenigen Jahren in Russland oder die inzwischen alle paar Jahre sich wiederholenden so genannten Jahrhundertfluten an der Elbe, also allgemein die Wetterextreme. Deshalb müssen wir mal die Beweislast umdrehen und sagen: Wenn ihr der Auffassung seid, dass wir die Klimaschäden bewältigen können, beweist uns das. Beweist uns, dass ihr alle Klimaschäden kennt. Und dann gebt uns die Lösungsstrategie, wie wir uns daran anpassen können.

Der dänische Politologe und Statistiker Björn Lomborg fordert, die Armut zu bekämpfen und die Menschen stärker zu bilden, um sie widerstandsfähiger gegen Klimaschäden zu machen, statt sich auf die Bekämpfung des Klimawandels zu konzentrieren. Das sei dann gut für alle.

Mehr Bildung und weniger Armut sind für alle gut. Aber die Frage ist: Können wir uns an eine fünf Grad wärmere Welt anpassen mit diesen Maßnahmen? Die Weltbank etwa sagt, Armutsbekämpfung ohne Klimastabilisierung geht nicht. Und das US-Pentagon nennt die Erderwärmung ein Sicherheitsrisiko, weil ohnehin fragile Regionen dadurch zusätzlich destabilisiert werden.

Auch auf der Klimakonferenz in Paris spielte dieser Punkt eine Rolle. Indien, einer der größten CO2-Emittenten der Welt, argumentierte: Wir müssen Hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreien, das hat für uns Priorität.

Aber was sind die Konsequenzen? Wir haben genug Kohle im Boden, um die Temperatur sehr langfristig auf zehn bis 15 Grad anzuheben. Das wäre dann zwei bis dreimal so viel wie der Unterschied zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit. Wir sind aber schon in der Warmzeit, das heißt, wir gehen dann in eine Heißzeit. Und zwar in einen Wärmebereich, den es nie zuvor in der Geschichte unserer Zivilisation und vielleicht noch nicht mal bei den Dinosauriern gab. Die Antarktis als letzte Bastion des Eises verschwindet dann. Der Meeresspiegel steigt um 60 Meter, ganze Küstenregionen verschwinden, New York, Tokio, Hamburg – das dauert sehr lange, ist dann aber unumkehrbar. Deswegen müssen wir früher oder später den fossilen Pfad verlassen. Wir müssen es schaffen, die Armut mit Klimaschutz zu bekämpfen.

»Sie diskutieren ja auch nicht mit Ihrem Nachbarn, ob es die Gravitation gibt.«

Wie nennen Sie eigentlich Leute, die reflexhaft den Klimawandel in Frage stellen, um es neutral auszudrücken?

Ich benenne sie gar nicht. Ich gehe auf die einzelnen Argumente ein, und entkräfte sie. Und das ist gar nicht so schwer. Es gibt eine ganz einfache Antwort, warum wir so sicher sind, dass der Mensch das Klima verändert: Weil wir die fundamentale Physik verstanden haben. Wir schauen ja nicht einfach in die Vergangenheit und sagen: Immer wenn es warm war, war der Kohlendioxid-Wert hoch, und deswegen ist da eine Verbindung. So eine Herangehensweise braucht man nur, wenn man das System nicht versteht. Aber wir verstehen physikalisch, was passiert. Die Quantenphysik sagt uns, was CO2, Methan und Lachgas mit Sonnenstrahlung und Infrarotstrahlung machen. Und mit dieser fundamentalen Physik können wir ausrechnen, dass sich schon durch diesen direkten Strahlungseffekt die Temperatur um 1,1 Grad erwärmt, wenn wir das CO2 in der Atmosphäre verdoppeln. Wenn Sie aber die Temperatur so weit erhöht haben, gibt es einen zusätzlichen Effekt: Wasserdampf hat sich in der Atmosphäre angehäuft. Und dieser Wasserdampf ist wieder ein Treibhausgas. Das heißt: Wir brauchen nur ein wenig sehr fundamentale Physik, um zu sagen, dass sich die Temperatur auf der Erde um etwa drei Grad erwärmt, wenn wir die CO2-Menge verdoppeln. Beobachtungsdaten bestätigen das.

Um nicht als Alarmisten zu gelten, spielen manche Klimaforscher ihre Ergebnisse herunter, wie der Weltklimarat in seinem Sachstandsbericht zum CO2-Anstieg oder zum Meeresspiegelanstieg.

Die Wissenschaft muss zu ihren Ergebnissen stehen. Sie darf sich nicht durch die öffentliche Meinung einschüchtern lassen.

Aber ist das wirklich immer der Fall?

Im Großen und Ganzen ja. Gut, wir sind alle Menschen, und es ist möglich, dass sich manche Forscher nicht trauen, etwas zu sagen. Das habe ich schon erlebt. Wir müssen aber die Gesellschaft nach unserem Wissen richtig informieren.

Haben Sie selbst Angst, als Alarmist zu gelten?

Nein.

Wurde Ihnen das schon vorgeworfen: Alarmist zu sein?

Ja, natürlich.

Was antworten Sie dann?

Ich passe als Forscher sehr auf, dass ich keine Forderungen stelle. Das ist eine Aufgabe der Politik, der Zivilgesellschaft. Ich als Klimawissenschaftler mache Wenn-Dann-Aussagen. Die müssen stimmen – und sie tun es auch. Und wenn ich sage: Wenn wir alle fossilen Brennstoffe verbrennen, dann bekommen wir auf lange Sicht einen Meeresspiegelanstieg von 60 Metern oder mehr. Dann sagen manche Leute: Nein, das ist ja alarmistisch. Ich sage dann: Das ist einfach wahr. Ob es am Ende wirklich so kommt, ist eine andere Frage, denn hoffentlich verbrennen wir nicht alle Kohle, alles Gas, alles Öl.

Ist es nicht schon ein Fehler, sich inhaltlich auf Klimaleugner einzulassen? Wertet man sie damit nicht auf?

In der Vergangenheit war das teils wirklich eine inhaltliche Diskussion in der Gesellschaft, und da war es schon sinnvoll, die Irrtümer klarzustellen. Aber wir sind mittlerweile weiter. Die große Mehrheit der Menschen hat den Klimawandel verstanden, und es bleibt nur eine gegen alle Fakten immune kleine Minderheit. Auf die gehe ich heute kaum noch ein, weil es einfach niemandem etwas bringt.

Ignorieren ist die beste Taktik?

Das ist keine Taktik, das ist einfach eine Frage der Lebenszeiteinteilung. Sie diskutieren ja auch nicht mit Ihrem Nachbarn, ob es die Gravitation gibt – vermute ich.

Wo ziehen Sie die rote Linie: Wann ist Kritik berechtigt und wann ist die Grenze für Sie überschritten?

Kritik ist immer berechtigt, wenn sie rationale Argumente verwendet und rationalen Argumenten gegenüber aufgeschlossen ist. Wenn ich jemandem die Gründe dafür nenne, warum es den Klimawandel gibt, und er nur erwidert, dass ihm die Gründe egal sind, ist das keine Kritik.

Sie meinen das reflexhafte Infragestellen?

In Amerika ist diese die Vernunft ignorierende Sichtweise leider weit verbreitet. Der amerikanische Komiker Lewis Black hat das einmal schön formuliert: Die USA müssen wieder zurückkommen zu einer Situation, in der sich zwei Politiker, die auf eine Grafik gucken, darauf einigen können, ob die Kurve nun nach oben geht oder nach unten. Bei der Erderwärmung geht sie nach oben.

Zur Person

Anders Levermann ist Professor für die Dynamik des Klimasystems am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Profilseite von Anders Levermann beim PIK

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